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Archive for November 2013

English: This is an orange on a tree in Cyprus...

English: This is an orange on a tree in Cyprus Deutsch: Dies ist eine Orange am Baum auf Zypern (Photo credit: Wikipedia)

Sehr geehrte Frau Stadtmüller, Sie als weit gereiste Person können unserem interessierten, deutschsprachigen Leser eventuell erklären, warum viele Menschen, die ebenfalls weit gereist sind und beruflich erfolgreich waren oder sind, Zypern als Wohn- oder Alterssitz wählen?

„Warum Deutsche sich gerne hier zur Ruhe setzen? Da gibt es recht unterschiedliche Gründe. Zum einen ist diese Insel nach wie vor landschaftlich sehr reizvoll; die Garantie schönem, milden bis heißem Wetters ist gegeben. Sicherheit ist ein Faktor, der noch gegeben, da Zypern eine niedrige Kriminalitätsrate – Gewalttaten, Diebstahl, Terror etc. – vorweisen kann. Die Verkehrsanbindungen an Europa, den Nahen Osten und Asien sind sehr gut.

Zum anderen mag viele das doch recht ruhige Leben, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, anlocken. Die immer noch große Gastfreundschaft macht das Eingewöhnen leicht. Wer die nonchalante Art nicht gleich als Unzuverlässigkeit auslegt, sich nicht von teils sehr unbürokratischem Umgang mit dem Gesetz schrecken lässt, die Regulierungswut in Deutschland nicht für allein gültig betrachtet und es vorzieht, bei einem zyprischen Kaffee oder Ouzo die kleinen und großen Probleme des Alltags zu lösen, kann hier sehr gut zurechtkommen.

Und gerade eben in der Krise beweist der Zyprer wieder einmal, dass er trotz alledem nicht vergisst, dass das Leben auch noch schöne Seiten hat und man erst recht mit Freunden und Familie die Zeit verbringt.“

Wenn ich richtig informiert bin, kommen und gehen Sie nach Zypern seit ungefähr 20 Jahren und mehr. Was würden Sie als die aus ihrer Sicht eindrücklichste Veränderung in diesem Zeitraum beschreiben, die sich an den Zyprern, in Zypern und/oder der Region vollzogen hat?

„Lassen Sie mich etwas ausholen zur Beantwortung dieser Frage.

Keine Frage, mein Leben wurde sicherlich in vielerlei Hinsicht durch die vielen Jahre im Ausland geprägt.

Anpassung an Neues wurde in frühen Jahren von mir erwartet, da ich mit meinen Eltern mehrfach innerhalb Deutschlands umzog, von einem Schulsystem zum anderen. Ein gewisses an Flexibilität, Rücksichtnahme anderen Menschen, anderen Kulturen gegenüber kamen ab meinem 13. Lebensjahr hinzu, als ich in ein Schweizer Internat kam, wo insgesamt 7 verschiedene Nationalitäten unter einem Dache Tag für Tag auskommen sollten.  Mit 14 Jahren durfte ich dann fünf Sommer lang jeweils 2 Monate in Südfrankreich bei einer französischen Familie verbringen.

Das Allein-Reisen, mich Zurechtfinden in fremden Umgebungen, Einstellen auf ganz andere Gepflogenheiten bestimmten schon damals mein Leben. Dies alles fand ich aufregend, anregend und weckte eine große Abenteuerlust.

Der Einstieg ins Berufsleben fand dann zwar in meiner Heimatstadt statt, doch ich bekam einen interessanten Job bei der Messeleitung. Alle zwei Jahre veranstaltete man eine internationale Messe um den Schuh herum. Dies bedeutete, dass die Aussteller in der Überzahl aus dem Ausland kamen. Sprachkenntnisse, Organisationsvemögen, hohe Flexibilität waren tägliche Herausforderung. Es war zwar noch ein Leben „draußen“, aber eine sehr gute Schulung.

Dann landete ich per Zufall bei Fernsehn und Rundfunk in Saarbrücken. Erlernte das Metier von ganz unten sozusagen. Wieder waren es Einfügen, auf Menschen zugehen, Einstellen, Flexibilität, die man mitbringen musste.

Und dann kam der große Sprung nach „draußen“. Es wurde mir eine Stelle bei einem Projekt in Westafrika, wo in Kooperation mit der damaligen Gavi eine Radiostation aufgebaut wurde, angeboten.

 

Zuvor hatte ich noch für mehrere Wochen den Libanon und Syriern bereist, eine so ganz neue Welt entdeckt, um zum Ende der Reise noch mitzuerleben, wie der Bürgerkrieg ausbrach; und ein Paradies dem Niedergang anheim fiel.

 

Die ersten dreieinhalb Jahre in Benin, in der Hauptstadt Cotonou, beteiligt an einem großen Projekt, mit bis zu einhundert Männern arbeitend, als einzige Frau, das bedeutete Herausforderung in bis daher nicht erlebtem Maße. Hinzu kam die damalige Politik auf dem Schwarzen Kontinent, wo viele der noch recht jungen Staaten ihre Wege suchten, man auch hier sich vom Alten lösen wollte. Was im Falle von Benin bedeutete, dass wir als Erbauer aus einem kapitalistischen Lande, für ein sich dem Sozialismus – Kommunismus zuwendenden Staat arbeiten sollten. Ein Staat, der komplett im Umbruch war, zum großen Teile die „Weißen“ los werden wollte, ebenfalls die „Intellektuellen“ des eigenen Volkes verfolgte. Alles lief auf einen Bürgerkrieg zu, unsere Arbeitsbedingungen waren extrem kompliziert, die Bewegungsfreiheiten stark eingestellt und kontrolliert.  Ein Ausstieg kam für mich jedoch nicht infrage, und so lange das Projekt weitergeführt wurde, wollte ich „an Bord“ sein.

Der Alltag war inzwischen hart geworden, als weiße Frau wurde ich auch schon mal beschimpft und mehr: gegen die Männer im Projekt selbst hatte ich gelernt mich durchzusetzen.

 

Mein Fazit nach dreieinhalb Jahren war schon damals, dass wohl nichts mich so rasch aus der Bahn werfen könne. Auch immer wieder auftretende Malaria, Typhus und andere gesundheitlichen Probleme, waren kein Hindernis, weiterhin zu versuchen, in der Welt herumzukommen.

Meine erste Ehe war zwar inzwischen geschieden, ich stand nun wirklich auf eigenen Beinen, konnte nun aber selbstbestimmt weiter voran gehen.

 

Ein Jahr in Rom und in Sizilien folgten. Da ging auch ein Traum in Erfüllung. Wer hatte schon die Chance, in der „Ewigen Stadt“ für mehrere Monate mehr als nur ein kurz verweilender Tourist zu sein? Mehrere Monate Sizilien brachten mir Geschichte, Sprache, Kultur, Mentalität dieses so von deutschen geschätzten Lands näher.

 

Mittlerweile wieder liiert, ging es weiter nach Zypern, wo vier Jahre Aufenthalt vorgesehen waren. Eine lange Verweildauer, Zeit um vielleicht wirklich mehr über dieses kleine Land, inzwischen zerrissen, zerrissen wie mein Heimatland, zu erfahren. Das Land war noch gezeichnet von den Ereignissen 1974, die Menschen schienen mir teils wie traumatisiert. Diese landschaftlich so vielseitige Insel mit nie endendem Sonnenschein, mildem Klima, hier das Meer, dort das Gebirge, bot Abwechslung, die Menschen boten Gastfreundschaft von natürlicher Art. Sei es ein Kaffee, zu dem man eingeladen wurde, ein Mandelzweig, eben erblüht, der einem zum Abschied überreicht wurde; oder dass man sich bei wildfremden Menschen im Orangenhain bedienen durfte, sich Tüten vollpacken konnte mit den herrlichen Früchten.

Und dann wieder eine Rigorosität, mit der einem klar gemacht wurde, dass man hier sich strikt an ihre Art zu halten hatte. Aus Deutschland kommend, doch durch die afrikanischen Jahre geschult, fiel es mir weniger auf, wie bescheiden zum Teil der Konsum noch war. Mitteleuropäischer Standard hatte hier noch nicht gegriffen. Aber es war gerade dies, dieses sehr ursprünglich Traditionelle, was mich ansprach. 

Und doch lag permanent diese Zweiteilung der Insel wie eine graue Wolke über allem, war das permanent beherrschende Thema. Besonders wir als Ausländer sollten hier Stellung beziehen. Das grenzte teils an einen ‚Eiertanz‘, zumal wir das Glück hatten, durch den Diplomatenstatus, auch in den Norden zu können. Wir gewannen sogar Freunde unter den Zyperntürken, Freundschaften, die bis heute gehalten haben. Hier sah der Alltag noch einmal anders aus. Während im Süden die Wirtschaft aufwärts ging, stagnierte im Norden alles. Man war immer noch verzweifelt bemüht, eine Normalität herzustellen und vor allem mit den „neuen Herren im Hause“ zurechtkommen zu müssen. Die starke Präsenz des Militärs war äußerst unangenehm.

Und trotzdem waren es wunderbare vier Jahre. Mein Wissen um griechisch-römische Geschichte war um einiges erweitert, das mediterrane Leben von angenehmer Art und Mitteleuropa nicht zu weit weg.

Die nächste Station wurde wieder einmal ein afrikanisches Land. Diesmal Kamerun. Ebenfalls ein Land, das zumindest verwaltungs- und sprachmäßig in englischen und französischen Teil getrennt war. Abgesehen davon, waren noch sogenannte Sultanate, speziell im Osten und Norden des Landes, gesellschaftlich prägend. Wir selbst lebten in Douala, wo das Generalkonsulat das Aufgabengebiet meines Mannes war. Was letztendlich bedeutete, dass wir einen reinen Repräsentationsposten inne hatten.

 

Was wir hier vorfanden, war absolut nicht das, was man als ansprechend bezeichnen konnte. Was hieß, erst einmal das riesen Haus auf Vordermann bringen, ein neues Büro musste gesucht werden, da vorhandenes von Ratten bevölkert. Hinzu kam, dass man für den Mitarbeiter des Konsuls keinen Urlaubsersatz hatte; hier nahm man meist gute 8 – 10 Wochen seines Jahresurlaubs, also sprang ich ein. Nach kurzer Eingewöhnung bezüglich Volumen an Organisation im eigenen Hause, Einarbeiten im Büro, blieb noch Zeit genug, sich seinen privaten Bekanntenkreis aufzubauen, kleine Reisen, Ausflüge zu machen. Kamerun war ein abwechslungsreiches Land, hier die sprudelnde Hafen- und Handelsstadt Douala, dort bunt, laut, leider aber mit immer höherer Kriminalität.

Doch da ich stets lieber das Positive, Schöne sehe, waren es für mich gute Jahre. Ich reiste auch hier viel alleine im Lande, hatte mir inzwischen noch einen zweiten Job gesucht, und zwar das Projektleiterbüro der GTZ, welches jedes Jahr insgesamt für 4 Monate eine Vertretung der Leiterin brauchte. Das Betreuen der weit verstreuten Projekte im Lande bot Gelegenheit, tiefer vorzudringen in die Unterschiede der ethnischen Gruppen, des vertraut Werdens mit den islamischen Gruppen im Norden. Diese Gesellschaft war noch tief verwurzelt in den traditionellen Hierarchien. Trotz immenser Armut,  bewunderte ich die Kameruner für ihre Lebensfreude, die Lust den kleinen Moment zu genießen, auszukosten. Schnell waren auch da die vier Jahre um.

Eigentlich wollten wir endlich einmal wieder zurück nach Deutschland, um nicht so ganz den Anschluss „daheim“ zu verlieren. Doch es kam anders. Man brauchte jemand im Nachbarland, Zentralafrika. Das war im Prinzip wie in den nächsten Ort ziehen. Trotzdem, eine neue Erfahrung. Hier lebten wir auf einem „Compount“. Was in diesem Falle ein riesiges Gelände mit dem Botschaftsgebäude, wo mehrere Appartements der entsandten Kollegen ebenfalls waren. Wir hatten etwas abseits im riesen Park mit alten Bäumen unseren Bungalow, in den ich vom ersten Moment an verliebt gewesen bin.

Was nicht trotzdem bedeutete, wieder einmal Generalüberholung zu machen. In diesem Falle: Fast 8 Monate auf einer Baustelle leben, da die Hauptstadt Bangui selbst sehr wenig bot, unser Bewegungsradius rigoros von amtswegen der Zentralafrikaner auf 10 km Umkreis beschränkt, lernte ich Golfspielen. Denn nur am Pool liegen, nur Lunches, Dinners und Empfänge vorbereiten, war wenig ausfüllend. Hinzu kam, dass es in Prinzip nur einen Supermarkt gab, wo man sich eindeckte, auch hier nur am Tag der „nouvelle arrivage“, wenn der Flieger Frisches aus Frankreich einflog. 

Natürlich gab es auch hier viele Möglichkeiten, karitativ zu helfen. Irgendwann hatte ich dann auch ein „Sorgenkind“, er war Deutscher Mitte 50, in eine unschöne Mordgeschichte verwickelt und im Zentralgefängnis der Hauptstadt gelandet. War es sowieso Aufgabe der Botschaft, in solchen Fällen zu helfen, wusste ich ja aus meinen Jahren in Benin, wie Gefängnisse in Afrika von innen aussahen. Es wurde ein täglich Ritual, dass ich dort vorbeischaute, Essen mitbrachte, denn dies ist so in Gefängnissen dort, die Angehörigen müssen das tun. Bald war es jedenfalls für den, der zentralafrikanischen Justiz Ausgesetzten, wohl der kleine Lichtblick im Alltag, wenn ich wenigstens 10 Minuten mit ihm plaudern durfte, wir zusammen eine Zigarette rauchten, er seine Medikamente und auch eine Zeitung bekam. So zogen sich mit einer steten Monotonie die Tage, Wochen, Monate dahin.

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Nicht dass es mich wirklich gestört hätte, es hatte etwas sehr Unwirkliches, so entfernt von dem Leben, das wo anders stattfand. Leider kam jedoch hinzu, dass gerade hier meine Gesundheit schlapp machte. Malaria und Parasiten plagten mich immer wieder. Mein Zustand war irgendwann so bedenklich, dass ich nach Deutschland ausreisen musste. Monatelang durfte ich mir die Tropenkliniken von innen ansehen, eine wirkliche Besserung trat im Allgemeinzustand nicht ein, ohne dass man jedoch herausfand, was Tatsache war.

 

Und wieder sollte es nach vier Jahren anders kommen, wie ursprünglich geplant. Inzwischen war die Berliner Mauer gefallen, der Osten hatte seinen Umbruch erlebt. Vorherige zur Sowjetunion gehörende Gebiete konnten nach langer Unterdrückung und Martyrium, ihre eigenen Staaten bilden, so auch die drei baltischen Länder. Dies hieß, dass auf einmal in mehreren Ländern neue Botschaften aufmachen mussten, ein großer Bedarf an Personal bestand und man da auf persönliche Wünsche nicht unbedingt Rücksicht nehmen konnte. Für uns hieß das, die nächsten Jahre in Litauen, der Hauptstadt Vilnius, unser Zuhause aufzuschlagen.

 

Krasser konnte eigentlich der Kontrast nicht ausfallen. Hier erst einmal Jahre in exotischen, afrikanischen Ländern und nun der Wechsel in ein eigentlich europäisches Land; und uns doch so fremd, fern geworden.

Etwas vertraut war mir der Osten Europas, kamen doch ein Teil meiner Vorfahren selbst aus dem heutigen Polen, aus der Gegend von Marienburg, hatten seit dem 15. Jahrhundert dort ihre Wurzeln, waren mal Deutsche, und seit langem Deutsche in Polen, hatten im Zweiten Weltkrieg selbst Verfolgung, zuletzt sogar Gefängnis erleben müssen. Somit war ich in etwa vorbereitet, auf das, was da geschichtlich auf mich zukam.

 

Und doch, ich war zutiefst betroffen, welch ein Land, ein Volk, welch Menschen, und deren Zustände, die ich dort antraf. Litauen selbst ein wunderbares Land, mit seinen unzähligen Seen, Wäldern, unter einem hohen Himmel. Wunderschöne Städte, Zeugen von mittelalterlicher Gotik, Vilnus selbst eine barocke Schönheit an den Ufern der Nerwa. Tiefe Kiefernwälder, kleine Dörfer mit bunten Holzhäusern, die liebevoll herausgeputzt mit dem so Wenigen, was man hatte.  Hier die Schönheit der Vergangenheit, dort jedoch Verfall, Missachtung, besonders, was die Kirchen betraf. Hatte man doch aus ihnen meist Lager für Stahl, Holz und Sonstiges gemacht. Kleine Wunderwerke der Architektur trugen tiefe Wunden, so wie die Menschen selbst.

Die Menschen, die Menschen, das was sie verkörperten, war wie ein Schock für mich. Nach den Jahren in Afrika meinte ich, Elend, Armut gesehen zu haben. Doch, dass es hier wohl Nuancen gibt, das war neu. Nach dem bunten Afrika mit seiner Üppigkeit der Natur, den fröhlichen Menschen, bot Vilnius mitten in einem strahlend schönen Sommer ein graues Bild. Die Menschen trugen kaum Farben, meist einheitsgrau, braun; die Kinder mit den blassen Gesichtchen, tiefen Schatten unter den Augen, meist in Kleidchen steckend, wie sie mir aus den 50-er Jahren in Erinnerung waren. Die Geschäfte und Supermärkte zeichneten sich durch einen unangenehmen Einheitsgeruch, Leere in den Regalen und meist Schlangen von Menschen an einer Theke aus. Vieles war rationalisiert. Das Einzige, was man unbegrenzt kaufen konnte und es immer gab, waren Brot, Milch und Sauerrahm. Das Angebot an Obst und Gemüse trostlos. Nur der große Markt, der bot einen Hauch von Überfluss, aber auch nur, weil Hochsommer, die Leute die gesammelten Beeren der Wälder, die Pilze oder die Produkte aus ihren eigenen Gärten anbieten konnten. Hier bekam man auch Butter, ohne Bezugsschein, herrlichen Honig.

Aber dann mit anzusehen, wie ein kleines Mädchen seine erste Banane im Leben bekommt, ihr aus der Hand fällt und das kostbar erworbene im Sand zertreten wird, ihren Schmerz, den wir Konsum-Verwöhnten wohl kaum nachempfinden können.

Bei anbrechendem Herbst und Winter, da wurde die wahre Armut sichtbar. Da sind Tag für Tag mehr Bettler auf den Straßen gewesen; aber es sind die alten Menschen, die alten Frauen, die mit den Paar Rubeln nicht überleben konnten. 

Bei Caritas und Rotem Kreuz nimmt man sodann gerne meine Mitarbeit an, um der immer anwachsenden Zahl von Bedürftigen Herr zu werden. Doch schon nach kurzer Zeit stoße ich hier auf eine Entwicklung innerhalb der Organisationen, die ich so nicht mittragen kann. Durch Zufall stoße ich auf eine junge Litauerin, die voll Idealismus und Engagement einen Platz in einer alten Kapelle in der Altstadt gefunden, wo sie sich um Obdachlose kümmert. Obwohl kein Strom, Wasser, Heizung ist sie jeden Tag vor Ort, versucht mit wenigen Mitteln auszuhelfen, weiterzuhelfen.  Und so habe ich mein Betätigungsfeld gefunden. Dank großer Unterstützung aus Deutschland, Spenden an Kleidung, Decken, Medikamenten, die uns ein Spediteur kostenlos ins Land bringt, können wir zu zweit, bald zu dritt, täglich den Menschen der Straße, den vollkommen durchs raster Gefallenen, etwas ab und an weiterhelfen.

Natürlich stoßen wir auch hier an die Grenzen von Bürokratie, Zurückweisung von verschiedenen Seiten. Trotz inzwischen eisigem Winter, mit bis zu 20 Grad, lassen wir uns nicht entmutigen. Helfer habe ich inzwischen durch einen jungen Arzt, der in Leipzig studierte gefunden, einen Priester vom nahen Kloster können wir bewegen, uns ab und an die Klosterküche zur Verfügung zu stellen, dass wir Suppen austeilen können. Ein Unterfangen, dass nicht einfach, da in den Geschäften auf dem Markt kaum etwas zu finden. Matschige Kartoffeln, schrumpelige Möhren, Kohl, rote Beete, das sind die Zutaten, die hier wie auch privat den Speiseplan bestimmten.

Aber wir haben die Kultur, und welch ein Kulturangebot. All die unzähligen Galerien, da gehen die Türen auf und zu, es kommt die Schülerin mit dem Ranzen auf dem Rücken, es kommt die Hausfrau mit ihrem Kind an der Hand, das alte Mütterchen mit dem Kohl in der Tasche und alle scheinen sie von der Malerei etwas zu verstehen. Und erst die Konzerte, die Opern, keine Aufführung, kein Musik-Abend, ohne komplett volles Haus. Was sag ich? Da sitzen sie auf den Stufen, bis vorne an den Orchestergraben: Jung, alt, Kinder. intensivst verfolgen sie eine Ballettaufführung von höchstem Können. Die Sänger, teils, brauchen sich nicht hinter denen von Berlin, Zürich, Wien zu verstecken. Vielleicht das einzig Verblüffende: Im ersten Jahr werden alle Opern noch in Russisch gesungen.

Mein Betätigungsfeld hatte sich quasi über Nacht vergrößert. Der Landrat von Ignalina, da wo das allversorgende Atomkraftwerk steht, bat um Unterstützung seiner Selbsthilfegruppe. Hier war es besonders gravierend, hatten die ca. 200 russischen Familien, die im Atomkraftwerk beschäftigt, mehr oder weniger bei Nacht und Nebel das Land verlassen, jedoch viele Alte und vor allem an die 50 Kinder, meist sehr kleine, zurückgelassen. Welch engagierte, motivierte Frauen habe ich hier kennengelernt. Eine Zusammenarbeit, die konnte ich nicht ablehnen. So kam ich mal wieder viel alleine im Lande herum, traf Menschen in Kindertagesstätten, Behinderten- und Altenheimen, sah ein Elend, Gewalt wie nie zuvor.

Ich glaube im Nachhinein, dass ich hier wohl oft an persönliche Ränder stieß. Und doch waren es meine ‚reichsten‘ Jahre. Hinzu kam, dass man endlich herausgefunden, was mein gesundheitliches Problem, dass mich immer wieder schachmatt gesetzt, keiner erklären konnte, was der Grund. Nun hatte ich endlich die Diagnose. Zwar erforderte das von mir ein ziemliches Umdenken, einen anderen Lebensrhythmus, angepasst an die Schwäche der zerstörten Muskeln, die mir keine ‚volle Fahrt‘ mehr erlauben.

 

Nach diesen intensiven Jahren in Litauen ging es dann tatsächlich für drei Jahre zurück nach Bonn. Welch eine Erfahrung! Ich war die Fremde im eigenen Land geworden, so zumindest kam ich mir vor. Zu sehr hatte ich mich wohl verändert, meine Sicht aufs Leben, hatte selten mit der meiner ehemaligen Bekannten, teils Familie, zu tun. Darum war ich nicht traurig, als wir wieder raus konnten.

 

Noch einmal wurde es Zypern. Wieder ein anderes Zypern, ein reich gewordenes Land, ein Reichtum, der protzend daher kam. Die Menschen hatten sich mit dem Geld verändert. Die Werte waren nun verschoben. Aber das war ja ein Prozess, der nicht nur auf Zypern vorherrschte. Interessant war es, Beobachter zu sein bei dem Prozess der Vorbereitung und Aufnahme Zyperns in die Europäische Union. Stolz dazu zu gehören, doch wenig gewillt waren sie, die Regeln mitzuspielen, einzuhalten.

Vor allem interessant, sollten die Jahre nach Zypern uns doch ins Herz der EU führen, nach Brüssel selbst. Da am Puls, in der Mitte der Gestalter von einem Europa der Visionen, der Wünsche, der Utopisten und Mitläufer. Zu beobachten, welch einen Apparat man hier aufbaute, eine Zentrale von neuer Macht, von einem Spiel, dessen Ausgang wir nicht kennen, wohl kaum ahnen und kalkulieren können.  Etwas Künstliches lag für mich immer über dieser Stadt, eine Atmosphäre wie auf einer großen Bühne.“

 

Sehr aufschlussreich, Ihre Ausführungen, Frau Stadtmüller. Wenn ich Sie richtig verstehe, stufen Sie Zypern und seine Bevölkerung eher zum europäischen Kulturkreis zugehörig ein. Bekanntlich gibt es Leute, die finden, es sei doch eher orientalisch. Wir haben heute den ersten Tag im Ramadan 2013. Denken Sie, dass der Norden Zyperns im Laufe der Zeit, genauer, seit Erdogan in der Türkei Ministerpräsident ist, religiöser, islamischer geworden ist – oder besuchen Sie den Norden etwa nicht?

„Ich war nach fünf Jahren des bequemen Lebens nicht abgeneigt, noch einmal etwas ganz Neues auszuprobieren. Mein Mann  hatte sich entschieden, nicht die allgemeine Karriereleiter weiter hinauf zu steigen, was bedeutete, nun komme nur noch Paris, London, Washington infrage. Er meinte, man solle ruhig noch mal eine neue Erfahrung machen. In seinem Falle: Er hatte sich für ein Jahr Bagdad entschieden. Das war wirklich eine ganz andere Art des Berufes, wie bisher. Einmal für ihn, in ein Kriegsgebiet zu gehen, wo er letztendlich unter ständiger Gefahr war. Für mich hieß dies, nicht mitkommen zu können. Ein Experiment, eine neue Art von Leben, aber warum nicht, nur durch andere Formen von Leben, Neues wagen, kann man sich weiter entwickeln. Also hieß es für ihn, Bagdad; und ich hatte mich für Zypern entschieden. Das war nah an Irak. Das Land und Leute kannte ich, denn Berlin, inzwischen unsere Hauptstadt, nein, da wollte ich nicht hin. Also wieder mediterranes Leben.

Zypern und seine Bevölkerung dem Orient zuzuordnen, dies wär schlichtweg vereinfacht. Zypern ist bedingt durch seine geografische Lage, durch seine Geschichte immer beeinflusst worden von dem sogenannten Nahen Osten. 

Die lange Zeit der Osmanen hat ihre Hinterlassenschaften, genauso aber die der Franzosen und nicht zu vergessen der Engländer.  Das ist ein Erbe, das die Mentalität formt. Darum kann und mag ich nicht vereinfachen, verallgemeinern, denn dann müssten wir ja auch bei vielen der südlichen und östlichen Europastaaten die Frage aufwerfen, welch Geist dort die Menschen stark geprägt hat.

 

Den Nordteil Zypern besuche ich seit 1981. Einige Türkenzyprer, wie bereits gesagt, können wir zu unseren guten Freunden zählen. Somit ist unser Blick auf die sich dort stark verändernde Gesellschaft stets ein kritisch beobachtender gewesen. Der Einfluss des Islams hat sich fast schleichend vollzogen, lange nicht gerne wahrgenommen von den Zyprern. Aber seit der Machtergreifung von Erdogan in der Türkei und seiner immer mehr dem Islam zugewandten Politik, ist auch der Norden Zyperns mit einbezogen. Nie zuvor sah man so viele Frauen mit Kopftuch und nicht nur die umgesiedelten Anatolierinnen sind gemeint. Gerade auch in den Reihen des Militärs, dass sich ja auf diesem Streifen der Insel immer breiter macht, kann man täglich sehen, wie groß der Einfluss auch in religiöser Hinsicht vom Festland ist. Eine Fahrt durch die kleinen und großen Orte zeigt, dass das Anwachsen des Islams sich in Form neu erbauter Moscheen manifestiert.

Selbst zyperntürkische Frauen bekunden bei offiziellen Anlässen ihre Sympathie durch Tragen des Kopftuches und sogar von Handschuhen. Und wie man weiß, sind inzwischen die Türkenzyprer selbst in der Minderheit auf dem nördlichen Teil der Insel, und es ist unausweichlich, dass in jeder Hinsicht das Festland, die Türkei, die Vorgaben bestimmt.

Bernd, mein Ehemann, hatte also sein Ticket in den Irak gelöst für ein Jahr, und ich hatte mich für Zypern als Standort entschlossen. Eine Freundin bot uns ihr Ferienhaus auf dem Lande, nah am Meer an. Dies hieß für Bernd, der im Wechsel alle 6 Wochen ca. 14 Tage Urlaub bekam, um aus seinem „compount, dem Sicherheitstrakt“ herauszukommen, keine weite Anreise zu haben. Die Insel, Menschen und Kultur waren uns vertraut, und solch eine Konstellation konnte für lediglich ein Jahr gut machbar sein.

 

Und das war es dann auch wirklich. Überraschenderweise kam unsere eine Patentochter, verheiratet und mit drei kleinen Kindern, in unseren Fokus. Hatten sie und ihr Mann sich doch entschlossen, hier auf der Insel eine neue Zukunft aufzubauen.  Da kam ein vollkommen neuer Aspekt in meinem Leben hinzu, Familie, so etwas wie „Großelternleben“ .

Welch Lehrstunden, sich so eng auf  Kinder einzulassen. Lehrstunden waren es aber auch mit einer völlig neuen Tatsache umzugehen, der Tatsache, dass sich mein Mann in einem vom Bürgerkrieg dominierten Land befand. Da, wo täglich Gräueltaten an der Tagesordnung, da wo ein Menschenleben absolut nichts mehr zählt/e, Menschen sich für eine Sache in die Luft spreng/t/en, x-Andere mit in den Tod reißen. Ja dort, wo er in einem Hochsicherheitstrakt quasi geschützt war, sollte nicht viel passieren können. Und doch bei den täglichen Nachrichten gingen unweigerlich alle Antennen auf, wenn nur der Name Irak, Bagdad fiel. Die Ratio sagte einem, wusste, dass diese Meldungen nicht direkte Gefahr bedeuteten; und doch, Anspannung blieb nicht aus.

 

Doch wie immer in meinem Leben, war auch hier eine Routine aufzubauen, eine zu bewältigende Gegebenheit Alltag geworden. Aus dem einen Jahr wurden sogar zwei. Mittlerweile war ich umgezogen. Hatte einen komfortablen Bungalow an einem reizvollen Ort gefunden. Dadurch, dass Zypern in den letzten Jahren auf dem kulturellen Sektor einiges auf die Beine gestellt, gab es viel Abwechslung. Mein Bekanntenkreis hatte sich ebenfalls vergrößert, viele interessante Personen waren in meinen Kreis getreten. Für mich persönlich war es eine neue Erfahrung, hatte ich doch die meisten Personen nun als Irma und alleine kennen gelernt, war von ihnen als, die, die ich nun mal bin, angenommen worden. Mein Fazit nach diesen zwei Jahren war ein ganz positives. Hatte viele neue Bereiche erkundet, hatte eine „Familie“ dazu bekommen, die sich sogar noch erweitert hatte und nun vier liebenswerte junge Menschen mir ans Herz wachsen ließ. Wie bunt und vielseitig war diese Zeit auf Zypern geworden, dass schon ein kleines Bedauern an mir nagte, als es wieder einmal hieß: auf zu neuen Ufern!“

Frau Stadtmüller, Sie haben also hinter den Eisernen Vorhang geblickt und dort sich sozial engagiert, Sie haben, wenn ich so sagen darf, Ihren Ehegatten mit dem Irak in einem gefährlichen Einsatz geteilt, unter anderem. Wie ging es eigentlich weiter danach? Hat sich ihr Engagement für eine Sache auch in Zypern irgendwie ergeben?

Nach zwei Jahren Bagdad entschieden wir uns, dann fast schon zwingend, nach Syrien, Damaskus, zu gehen. Für mich ging ein ferner Traum in Erfüllung, den ich seit den Tagen 1975 gehegt, noch einmal in diese Region zurückzukehren. Welch Glück, diese Chance geboten zu bekommen.

Alles lief widerstandslos. Damaskus war zwar ebenfalls eine andere Stadt geworden, hatte aber immer noch den unglaublichen Charme, der mich damals so bezaubert hatte. So vieles entdeckte ich wieder, voll Freude hier für 4 Jahre leben zu können, eindringen zu können in dies so vielfältige, bunte Leben. Aber auch mit erleben zu müssen, wie ein Land unter einer Diktatur litt. Diese Stadt schien uns in allen Facetten willkommen zu heißen. Das Haus war ein Juwel, mein Garten zeigte die Vielfalt, die hier vorherrschte. Und die Menschen…, selten wurde wir mit soviel Wohlwollen, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft bedacht. Hier bedurfte es nicht, der sonst so bekannten Eingewöhnungszeit. So rasch hatte ich mich noch nie in einer Stadt so wohl, vertraut und auch sicher gefühlt.

Nach den ersten Monaten, die wie üblich dem Einrichten, sich Zurechtfinden, neue Menschen an sich herankommen lassen gewidmet war, wollte ich trotzdem meinen Geburtstag auf Zypern mit „unserer kleinen Familie“ verbringen. Darum flogen wir beide am 18.3.2011 nach Zypern, unser hübsches Zweithaus hatten wir behalten. Wie weise das war, sollte sich ganz schnell, leider allzu schnell, herausstellen. In dieser Zeit brach der Anfang eines noch nicht beendeten Bürgerkrieges aus. Innerhalb weniger Tage erging der Erlass, dass alle Familienangehörigen der Botschaftsleute das Land verlassen mussten.

Ja, und seit dem bin ich nie wieder in dieses Land „meiner Träume“ zurück gekommen. Dann schloss man Damaskus ganz, verlagerte die Verwaltung nach Beirut, wo mein Mann dann noch einige Monate zuständig war, und ich so mehrfach in den Libanon kam, alt bekannte Orte aufsuchte, ein wenig Orient schnupperte; aber nie wieder war es wie zuvor. Alles wurde überschattet vom Grauen in Syrien. Dies ist so geblieben, bis zum heutigen Tag.

Ich bin immer noch auf Zypern. Zwischenzeitlich begleitete ich meinen Mann auch für einige Monate nach Bordeaux, was endlich auch mal dazu führte, mehr von Frankreich kennen zu lernen – noch eine dieser schönen Ecken in der Welt.

Meine Situation ist letztendlich die selbe wie vor vier Jahren. Ich führe mein Inselleben, nicht das schlechteste; und mein Mann hat seinen Posten inzwischen in Kabul, Afghanistan, angetreten. Vielleicht nicht ganz so gefährlich, so brisant, wie der Irak oder Syrien. Aber eine kleine Anspannung, die bleibt, wie auch Bedauern, dass ich auch in dieses Land nicht meinen Fuß setzen darf. Alles, was ich darüber erfahre, wird abstrakt bleiben. Doch Eines ist gewiss, auch dies wäre ein Land, wo ich mich sehr wohlgefühlt hätte….ein kleines Bedauern bleibt, es sind viele Momente, die man getrennt erlebt.

Wie so oft, wenn wir befristet in einem Land weilen, etwas begonnen, auf den Weg gebracht haben, wird es speziell schwierig, bei Wohltätigkeits-Projekten dran zu bleiben. Da mir dies ja nicht neu, so hatte ich auch alle in Litauen darauf vorbereitet, Selbsthilfe zu üben, so weit nur möglich. Aber da zu jenem Zeitpunkt im Lande nach wie vor Mangel an allen Ecken und Enden, habe ich den Kontakt nicht abbrechen lassen, weiter dafür gesorgt, dass auch immer wieder mal materielle Hilfe einfloss. Aber letztendlich besteht heute nur noch ein loser Kontakt nach Vilnius, wenn wirklich Not, dann versuche ich, durch spezielle Aktionen immer mal zu helfen. Aber da ja Litauen inzwischen doch einiges besser dasteht, hat sich doch vieles zum Guten verändert.

Aber solch intensive Arbeit, wie dort, habe ich dann nicht mehr aufgenommen. Der Fokus richtete sich auf verschieden Anderes, nicht minder Wichtiges. Als wir 1999 zum zweiten Mal nach Zypern kamen, war hier wirtschaftlich eine „Hochzeit“, kaum sichtbarer Mangel.

Aber Missstände herrschten und herrschen ja immer noch, was die Tierhaltung betrifft. Das Problem wurde mir quasi vor die Tür gelegt. Und so war ich unversehens hineingezogen, nämlich in dem ich ausgesetzte Katzen und Hunde auffange. Glücklicherweise hatte sich ein zyprischer, junger Veterinär gerade in Nikosia niedergelassen. Er hatte in Wien studiert und praktiziert. Er hat aktuell wohl die beste Tierklinik vor Ort auf Zypern. Mit ihm fand ich einen sehr engagierten, für den Tierschutz eintretenden Menschen. Man könnte fast sagen, wir arbeiteten Hand in Hand. Wie viele Katzen gingen in den folgenden Jahren über seinen Operationstisch zum Neutralisieren, zum Überleben retten, haben wir nie gezählt. Dank ihm, wurden die Tiere meist weitervermittelt. Wenn das nicht möglich war, konnten sie wenigstens in Tierheimen unterkommen. All die Hunde, die wir in unserem Garten fanden, meistens junge Welpen, Würfe bis zu acht an der Zahl, wie viele angefahrene Hunde gerettet wurden vor dem Verenden im Straßengraben, ich weiß es nicht!

Doch es war das, was mir in dieser Zeit am Herzen lag, mir wichtig erschien. Gegenargumente, ob des „doch fragwürdigen Nutzens“ bekam ich oft genug, speziell von Zyprern. Aber es ist die leidende Kreatur, die mich berührt, wo ich meine, etwas tun zu müssen.

Aktuell gibt es kein soziales Engagement. Dafür mache ich seit vier Jahren eine für mich ganz neue Erfahrung. Ich bin quasi, wie bereits erwähnt, eine Ersatz-Oma für die vier Kinder meiner hier lebenden Patentochter geworden. Diese Aufgabe nehme ich sehr ernst, und es kommt in meinem Leben eigentlich immer wieder für mich auf den Punkt, die Erkenntnis, zurück: Da wo ich meine, mich einbringen zu können und zu sollen, da agiere ich!

Außerdem unterstütze ich meinen Mann, seit er in Bagdad war, dort Leuten unter die Arme greift, sei es materiell oder organisatorisch. Und durch das Debakel in Syrien, hat sich für uns der Kreis erweitert, wegen den Syrern, die uns so herzlich willkommen hießen, die Türen geöffnet hielten und heute an uns herantreten mit verschiedensten Belangen. Da helfen wir, so weit uns möglich. Da schöpft vor allem mein Mann Mittel aus, die ihm zugänglich; und so wie es aussieht, werden viele von diesen Leuten noch so manche Unterstützung brauchen.“

Frau Stadtmüller, wir bedanken uns für die den geistigen Horizont erweiternden Darstellungen und wünschen Ihnen, dass Ihr Mann Afghanistan schon bald hinter sich haben wird, damit sie beide gemeinsam glücklich und vereint, wie gehabt, dann schon bald in den Ruhestand gehen können.

Darf ich zuletzt noch fragen, ob Sie für Zypern, wie die jetzige Regierung Anastasiadis kundtut, um mit Helmut Kohl zu sprechen, ebenfalls „blühende Landschaften“ zukünftig sehen? Präsident Anastasiadis sagt, dass die Hilfszahlungen, die erneut und scheinbar ohne große Kritik an Zypern wiederholt ausbezahlt wurden kürzlich im Rahmen des Schuldentilgungs- bzw. Aufbauprogramms der EU etc., das Aufkommen und/oder Entstehen blühender Landschaften in Zypern bereits anzeigten.

Was spricht Ihrer Meinung noch gegen diese Behauptung, und was bereits dafür, wenn überhaupt?

Cyprus in the Late Bronze Age

Cyprus in the Late Bronze Age (Photo credit: Wikipedia)

Wie stand vor einigen Tagen in der Cyprus Mail geschrieben? Dem Tenor nach war es für mich so zu verstehen: Zwar sind derartige Dinge bereits ausgesprochen, doch heißt das noch lange nicht, dass sie  in die Tat umgesetzt sind oder werden. Das ist halt so mit den GroßmannsuchtsTräumen von Herrn Anastasiades & Co. Eine Fata Morgana schwebt am zyprischen Horizont und schon ist sie feste Realität für viele Politiker vor Ort. Vielleicht hat ja auch der oberste Kirchenhirte versprochen, dass Glaube Berge versetzt, sprich: Gas aus der Erde sprudelt. 

Nein, die Realität sieht eher – noch – düster aus. Die Talsohle der Krise ist auch noch nicht erreicht. Noch scheint mancher hier gut Geld irgendwo gehortet zu haben, nicht bei den Banken, gibt es großzügig aus. Doch was, wenn auch diese Reserven aufgebraucht? Bis heute sind keine Programme für den letzteren Fall erkennbar. Wie werden all diejenigen durch die Krise gekommen, die entstandenen Problemen meistern?

Das beherrschende Thema ist die Bankenrettung, das zuvor erwähnte Erdgas, und wie der kleine Mann, die vielen Arbeitslosen, die wirklichen Verlierer der Krise also, unterstützt werden können. Wie kann so jemand wie die zuletzt Erwähnten wieder in Arbeit und Lohn gebracht werden? Das ist zumindest bis heute von niemand zu vernehmen.

Gerade vergangene Woche hat eine der größten Rating-Agenturen an Hand von Zahlen widerlegt, dass der Aufschwung in Zypern nicht wie behauptet 2015 kommt, sondern vor 2019 kein Aufschwung fühlbar ansteht. Somit werden die genannten „blühenden Landschaften“ vorerst und lediglich zu optisch sehen sein, nämlich dann, wenn Zypern genug Regen im Winter bekommt und die Insel so wunderbar ergrünt!

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Mach’s gut, Glafko!

Sehr geehrte Leser der Zypernundmehr-News.

In Sardinien und andernorts sterben Menschen, die meistens noch ein Leben vor sich hätten. Wir wollen Ihnen dennoch die Fair-Well-Rede des Präsidenten der Republik Zypern, Herrn Anastasiadis‘, zum Tod des ehemaligen Präsidenten Herrn Glafkos Kleridis nicht vorenthalten.

Das Press Information Office (PIO) der Republik Zypern hat genannte Fair-Well-Rede des Präsidenten zum unten angegebenen Datum veröffentlicht.

 

Verzeihen Sie, verehrte Leser, dass hier auf eine Übersetzung ins Deutsche verzichtet wird. Auch wir von Zypernundmehr-News wünschen Herrn Klerides, dass er seinen letzten Weg nach seinen Vorstellungen davon begehen darf!

 

 

 

 

Tuesday, 19/11/2013

Eulogy by the President of the Republic, Mr Nicos Anastasiades,

at the funeral of Glafcos Clerides

Dear President and my dear political father,

 

It happened that I have the honour of bidding you farewell. It is up to me to convey the messages of respect, recognition, gratitude and genuine love, from the whole of the political leadership, the leadership of our Church and the people of our still divided country.

It is both sad and an unbearable burden of responsibility to attempt to describe, without verbal exaggerations, the path of a Leader who was characterized not by many words but by a wealth of action, the ability of intuition,boldness and courageousness in decisions, moderation, honesty and morals in his long life and political presence.

Besides, I have neither the privilege of a historical writer, nor, due to emotions, the ability to render, without the danger of exaggeration, the very facts that have ranked Glafcos Clerides in the chorus of the great leaders of Cyprus and Hellenism.

There are politicians that persistently pursue the hospitality of history. And there are those who are pursued by history itself.

One of them is Glafcos Clerides, who from very early on waspinpointed by history and history generously dedicated its pages to him.

He was pinpointed in his early years when, uncompromising with the conservative establishment of his time, he performs a first unconventional act. He questions the use of ‘katharevousa’ and comes in contradiction with the almighty educational system of the times. Newspapers then spoke about the “little rebel” and dedicate flattering comments about his boldness, outspokenness and courage.

History pinpoints him in the years of the great world war. When on his own initiative he leaves the comfort of his studies in London and voluntarily enlists in the British Royal Air Force to take part himself in the fight of the free world against fascism and Nazism.

He experiences the cruelty of a war which caused bloodshed to the planet. During the merciless bombings he witnesses the destruction of the accomplishments and labours of people and thousands of innocent lives to be buried under the ruins.

The Second World War catalytically sealed the character and temperament of Glafcos Clerides. Deep inside him the vision of a united and peaceful Europe took roots and bloomed. A Europe rid of the syndromes of an unhealthy nationalism and military conflicts.

During the whirlpool of that great war, Glafcos Clerides meets his life companion, Irene-Lilla. The person who was meant to lovingly accompany him and share with him the pain, sadness, anxieties and the maybe few happy moments of an eventful life. By her side he finds love, companionship and absolute dedication and from these elements he derives the strength and the courage to walk down the difficult road he chose. With his companion they have an only daughter, Katie, whom they later proudly watched take on public offices and stand beside her own life partner, Costas Shiammas.

History once again pinpoints Glafcos Clerides when Cyprus Hellenism, with the epic uprising against colonialism, claims self-determination and freedom. A rebel by nature, Glafcos Clerides could not compromise with injustice and suppression.

With the code name ‘Yperides’ he aligns with the overwhelming majority of Cyprus Hellenism and takes on important missions of a political character. With unequaled courage and passion, he defends in front of British court-martials the EOKA militants on death row. And when his efforts are crushed in the face of the official decisions of the English judges, Glafcos Clerides becomes a confessor of the moribund militants and it is not a few times that he cracks.

He genuinely offers his tears as a holy bread of gratitude in the size of an invaluable in self-sacrifice contribution.

The ending of that grand struggle does not find the entirety of the Greek Cypriots agreeing. History once again runs into Glafcos Clerides and foresees the visible dangers of division and without sentimentality, he aligns unreservedly with the candidature of Archbishop Makarios in order to contribute to the consolidation and prospect of a newly formed Cypriot state. He vigorously defends the criticism of all those who accused him of turning against his father’s candidature, by using an old saying that the country is above everything, even above parents and ancestors.

The period that followed had been painful for Cyprus and its people.

In the shambles of that turbulent course, history finds Glafcos Clerides, first from the position of the Minister of Justice and then from the position of the first President of the House of Representatives, to be a voice of wisdom, moderation and self-knowledge. To warn about the destructive consequences that the division of Hellenism would bring about, while at the same time he does not hesitate to warn both communities about the destructive consequences of not abiding to what was agreed.

What followed in that given climate of national frenzy, fanaticism and severity, did not allow for a sober dialogue. Division was getting deeper with the loss of human lives.

Glafcos Clerides once again raises his voice, pointing out that violence only brings violence. And that democracy calls for dialogue, pluralism, tolerance to the opposite view and respect to political diversity and mainly national understanding.

He was the first to put into action the politics of realism; and, through his negotiating finesse and credibility, he succeeded in almost reaching a comprehensive agreement that significantly improved the provisions of the Constitution. Although the agreement was within reach, it unfortunately failed, as a result of the prevailing conditions and the intervention of the Athens Junta, thus leading to the tragic events of 1974.

In conditions of absolute chaos and total collapse of the state’s structure following the Turkish invasion, Glafcos Clerides is found again in the spotlight of history. This time history entrusts him with the heavy burden of restoring constitutional and democratic lawfulness and of intercepting the catastrophic march of the Turkish army.

In tragic circumstances for our people, under adverse conditions that can hardly be described, Grafcos Clerides, as acting President of the Republic, takes on a multidimensional task. To heal the first wounds from the invasion, to restore relations of smooth cooperation with the now democratic Greece, to safeguard the international status of the Republic of Cyprus with its shaken foundations, to reconstruct the state’s non-existing structures, to free prisoners of war, to locate missing persons, to support the enclaved, to pay tribute to the fallen and the dead, to offer relief to the displaced.

His multifaceted work is being acknowledged both domestically and abroad. Especially when the rightful President of the Republic, Archibishop Makarios, returns to Cyprus and publicly expresses his grateful thanks.

When the House of Representatives as a whole, democratic Greece and the international community see in Glafcos Clerides, the honest politician and the good captain, who under unsettled conditions receives chaos and delivers a well-organized state, as the late Tassos Papadopoulos said in a speech from the floor of the House on 1st November 1975.

He cracks down on the action of illegal groups, moreover at a time when his own life is in constant and immediate danger, and he personally intervenes to prevent actions of blind hatred, revanchism and reprisal.

Unfortunately, the events that followed only left him with a feeling of bitterness; bitterness he nevertheless put aside with his familiar collectedness and nobleness; without ever being tempted to accuse his political opponents of what they had occasionally inconsiderately accused him.

On 4 July 1976 Glafcos Clerides is found again in the spotlight of history. This time he leads an initiative for founding the Democratic Rally Party. Having painfully experienced himself the consequences of division of the Cyprus society and deeply believing in the need for national reconciliation, he gathers under the Democratic Rally’s roof reverse political powers which, were until recently, in the trenches of a blind and morbid political confrontation.

With his infallible political intuition and his irrefutable perspicacity, he responds, from the very first moment, to the call for a new democratic, pluralistic and polyphonic Cyprus; for a modern society of tolerance, variety and creative composition. He discerns the prospect of a great opportunity for a new course of the Cyprus society towards the future. Through the renewal of democracy, the absolute condemnation of rhetoric outbidding, the rejection of violence and fanaticism, and European political culture.

By overcoming in practice stereotyped syndromes of insecurity, isolation and provincialism, he boldly formulates his vision for a Cyprus that walks together equally and creatively with the European Union peoples.

With the wounds of the fratricidal division and the Turkish invasion still fresh and unhealed, the extremities, public invective and uncritical targeting of persons but mostly ideas, were not an unknown phenomenon for the political life back then. In the bewilderment of these extreme events, Glafcos Clerides, putting aside any feelings of personal bitterness, emerges with his dialectical modesty as the wise political leader of moderation, modesty and conciliation.

Glafcos Clerides’ personal vindication was maybe delayed, but it finally came in 1993, when history and the sovereign people’s verdict entrust him, for two consecutive terms, with the responsibility for the fate of Cyprus. With visionary politics that abolish in practice the partitive lines of the past and project the common expectation for a homeland that embraces all of its children.

President Clerides embarks on a multilevel effort to upgrade our fraternal cooperation with Greece, to attain a viable and functional solution to the Cyprus problem and to conquest the great national and strategic goal of accession to the European family.

By-passing international reaction and suffocating political pressure, with the historic decision of Copenhagen on 12 December 2012, he set the seal on the accession of our country to the European Union, when Ankara was openly threatening with limitless reactions.

During the ten years of Clerides’ governance, with the cooperation of all political powers without exception, the stabilization of the economy, the reinforcement of social cohesion and the broadening of the rights of weaker layers of the population were achieved, in order for Cyprus to rightfully assert and finally achieve its accession to the European Union, what’s more with flying colours.

Clafcos Clerides was fortunate enough to see one of his two great visions come true. The other remained unfulfilled, since Cyprus today still remains divided.

Through multidimensional politics, he succeeds in stimulating international actors who submit, for the first time, a comprehensive proposal for the solution of the Cyprus problem. Unfortunately, this happened only a little before his second term had expired. Losing the elections in February 2013 deprives him of the possibility of continuing an assertive negotiation towards the attainment of a solution that would meet the expectations of our people.

Notwithstanding his advanced age that would permit him to withdraw, he assists the next President, by escorting him in all the negotiations that followed. In the referendum, despite disagreeing with many of the provisions of the final plan, with his renowned pragmatism, he didn’t hesitate to make his opinions publicly known. The result of the public verdict was absolutely respected by the leader who dedicated a lifetime for the prevalence of democratic values.

His political legacy, however, of understanding, dialogue and reconciliation, has firmly laid the foundations that allow the Cypriot people as a whole, Greek Cypriots, Turkish Cypriots, Maronites, Armenians and Latins to legitimately look forward to better days for our common homeland.

And I would like to take advantage of the current presence of representatives of foreign governments, and most importantly a large number of Turkish Cypriots from the world of politics, the economy, the intelligentsia to send a message with the same as Glafcos Clerides’ visions:

The message that I am determined to work tirelessly to achieve a solution based on occasional summit agreements, the resolutions of the United Nations and the European principles and values, which will lead us to a modern state that will respect and safeguard the human rights of all its legal citizens.

It is, in my opinion, time to overcome the reasonable suspicion caused by the passions and hatreds of the past because we deserve a better future. The country is not a collision point for yesterday and today. But vision, optimism and hope for tomorrow. Tomorrow is ours and our children’s’.

My hope is that both my Turkish Cypriots compatriots and Turkey share the same vision and they will work towards this direction far from any other expediencies in order to achieve the soonest possible what was a lifetime experience for Glafcos Clerides.

Glafcos Clerides leaves renowned with a universal recognition reflected not only in the presence of all members of the political leadership of the country and people but also with the participation of the political leadership of Greece and many other distinguished personalities whom we warmly thank for their presence here.

At this time that I stand overwhelmed before the body of a man who was a protagonist and modulator of Cypriot history for over half a century, allow me a personal soul testimony.

Glafkos Clerides never escaped his responsibilities. He dared many times, without complaint to lift on his shoulders responsibilities of others, responsibilities that were not for him to bear. He faced death in the eyes, without prevarication. He left the world with his dignity intact. With a deep admirable spiritual clarity, with an amazing mental peacefulness and a magnificent human nobility.

My dear President,

It would be an unforgivable ingratitude if as an epilogue of my humble speech I did not express publicly how much I owe you.

Thank you because you surrounded me with fatherly affection and love, because you supported me in difficult times, because you taught me to bear and endure, to respect and honor, those who express a different view.

Thank you because near you I learned that politics and pettiness are not consistent, that self-criticism and self awareness are a virtue, that the boldness to apologize for mistakes that you make is an act of responsibility, that the political ethos is not served by unworthy motives, that the political vision becomes a nightmare if it lacks pragmatism, that the small and big problems of a country do not have a political party color, that the political decisions should be taken at time of sobriety and never in the heat of the moment.

Above all, however, I am grateful because you taught me, that in critical times, the love of the leader towards the country is not served from the rhetoric of great pleas but from the courage and determination to bear his responsibilities, regardless of the political cost.

That the duty towards your country is to be beneficial rather than likeable.

My dear President,

I want to reassure you that we will continue your struggles with the same determination so that it will not be long before the day when we commemorate you, we can announce to you that we seemed worthy of your expectations.

Farewell our beloved President, our beloved Captain.

History and all of us will keep your memory forever.

 

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Jeder Opernliebhaber weiß, dass die Geschichte um Tosca historisch so, wie sie geliefert wird auf der Bühne, nicht verbürgt ist, sondern dass viel Dramatik, vermeintliche Dreiecksgeschichten und Intrigen eingeblendet wurden. Daher stimmen die am meisten aufgeführten Puccini Oper, „Tosca“, mit den Begebenheiten von einst nicht 1:1 überein.

Mit dem Fünfakter „La Tosca“, die einst von der legendären Sarah Bernhardt uraufgeführt wurde, war Victorien Sardou (1831-1908) ein Meisterstück gelungen. Er vermischte Fiktion und Wirklichkeit perfekt. Der Hintergrund der Geschichte spielt sich in Rom ab, beim zweiten Italien-Feldzug Napoleons, der in der Schlacht von Marengo den Sieg über das russisch-österreichische Heer erzielte um das Jahr 1800. Vorausgegangen waren der erste Feldzug gegen die Österreicher in Italien und der Waffenstillstand mit Papst Pius IV. Die Auseinandersetzungen zwischen päpstlichen Truppen und Napoleons Anhängern entschied sich zugunsten der Franzosen und führte zur Ausrufung der Republik Frankreich. Das Kriegsgeschehen änderte sodann erneut zugunsten Österreichs, was zum zweiten Feldzug Napoleons führte, und, hélas, sind wir in Tosca’s Gegenwart angelangt. Die meisten Figuren, die Sardou in seinem Stück dem historisches Ambiente einpasst, sind dennoch frei erfunden.

Der Erfolg des Stückes war damals wirklich immens.

Schon früh interessierte sich Puccini (1858-1924) für diesen Stoff, aber erst 1896, nachdem er eine Aufführung in Florenz mit Sarah Bernhardt gesehen hatte, wurde er beflügelt, das Thema in Musik zu setzen. Das Stück musste abgeändert und verkürzt werden. Luigi Illica, der bereits tätig geworden war, spannte sich Giuseppe Giacosa ein, um den Wünschen Puccinis gerecht zu werden.

Im Januar 1900 dann fand die Uraufführung mit der rumänischen Diva Hericlea Darclée statt, wurde vorerst aber nur ein mäßiger Erfolg. Noch im gleichen Jahr ist die Oper in Paris und London mit durchschlagendem Erfolg aufgeführt worden. Die damaligen Sängerinnen rissen sich um die Titelpartie. Seither wird die Tosca eigentlich von allen Primadonnen gesungen: Maria Jeritza, Maria Caniglia, Zinka Milanov, Renata Tebaldi, Maria Callas, Leontyne Price, Grace Bumbry etc.

In der Rolle des Cavaradossi‘ sind es nicht minder viele Startenöre: von Caruso bis Carreras, Domingo und Pavarotti etc. So haben auch in der Rolle des Polizeichefs Scarpia u.a. die Baritone Tito Gobbi, Sherill Milnes und Ingvar Wixell brilliert.

Bereits 1902 kam eine deutschsprachige Aufführung in Dresden raus. Rolf Fath erwähnt in seinem Opernführer, dass Tosca weitgehend im historischen Ambiente belassen worden ist. Nur selten betonen die Regisseure der Tosca-Aufführungen das Politdrama, wie zum Beispiel 1920 in Moskau, wo das Stück in einen Kampf der Kommune umgewandelt wurde, oder 1986, wo Jonathan Miller beim Maggio Musicale in Florenz das Stück im faschistischen Italien spielen ließ.

Seit einiger Zeit grassiert die Unart der Regisseure, Stücke ins Moderne katapultieren zu müssen, was für die meisten Kenner der Tosca zuweilen heftiges Kopfschütteln verursacht, und der Mätzchen leider zu oft überdrüssig werden.

Ich hatte diesmal die Möglichkeit, ja, das Glück, kurz hinter einander zwei Tosca-Aufführungen zu sehen, die nicht unterschiedlicher voneinander hätten sein können. Die erste Aufführung sah ich live am Theater in Basel, unter der musikalischen Leitung von Giuliano Betta. Das Bühnenbild war von Florian Lösche und die Regie von Jette Steckel. Das Bühnenbild ist ziemlich dunkel gehalten gewesen; große, über 3m hohe, kubisch zugeschnittene Blöcke verschoben sich mühelos mit Hilfe der Drehbühne zu einer recht interessanten Kulisse, eine Technik, die den Umbau des Szenenbildes vereinfacht beziehungsweise unnötig macht. Die Kehrseite der Medaille war aber auch, dass es kein wirklich stringent durchdachtes Raumkonzept zu geben schien, zumal zwischen diesen Blöcken öfters agiert wurde, als ob wenig Platz bestünde, als schaffe das eine Art Rechtfertigung dafür, dass die Sänger dauernd an der Rampe sangen oder aber am Bühnenrand und sogar auf dem einigermaßen engen Laufsteg, der zwischen dem Orchestergraben und dem Publikum sich befand. Der Clou der Regie ist dann auch gewesen, wenn so gesagt werden darf, dass der Maler Cavaradossi seine Maria Magdalena nicht etwa malte, sondern als „Pin-up-girl“ fotografierte und diese auf einer Leinwand schwarz-weiß projiziert zu Betracht gab. Meiner Meinung nach wurde der Gesang der eifersüchtigen Tosca ins Lächerliche gezogen, die ihren Geliebten beschwört, die Augen der Maria Magdalena, die er gemalt hatte, von blau auf schwarz zu ändern, eben weil sie der der Rivalin, der Gräfin Attavanti, ihr zu sehr glichen. Ein schwarz-weißes Foto hat nun mal keine blaue Augenfarben, die da zu ändern wären!

Von anderen Mätzchen will ich gar nicht schreiben – wie zum Beispiel von den Popmusikeinlagen gleich am Anfang jeder Spielhälfte etc.

Die Hauptpartie der Tosca wurde ansonsten recht ordentlich von der englischen Sopranistin Claire Rutter gesungen, die an der „Guildhall School of Music and Drama“ ausgebildet wurde. Sie hat an verschiedenen Häusern in England und den USA gearbeitet, auch gelegentlich mit ihrem Ehemann, dem Bariton Stephen Gadd.

Der am Kazan State Conservatory ausgebildete Maxim Aksenov übernahm die Rolle des Cavaradossi. Dieser Tenor, der auch schon am Marinsky Theater und an verschiedenen europäischen Opernhäusern Gast war, hat sich vor allem auf die italienischen und russischen Opern spezialisiert. Bei der Vorstellung stellte sich jedoch heraus, dass er stimmlich nicht vollständig durchhalten konnte.

Die dritte Hauptperson in diesem Melodrama ist bekanntlich der Polizeichef Scarpia, der von einem Italiener, Davide Damiani, gesungen wurde. Der in seinem Heimatland ausgebildete Bariton ist ein bekannter und gefragter Sänger auf den europäischen Bühnen. Er wirkte bereits an der Staatsoper in Wien, sowie an den bedeutendsten europäischen Opernfestivals.

Es ist meines Erachtens äußerst fraglich, ob Opernstoffe vergangener Zeiten in die heutige politische Zeit versetzt und mit aktuellen Vorkommnissen gespickt werden sollten (im Programmheft ist der Brief des amerikanischen Staatsanwaltes an den russischen Justizminister in der Sache Snowden abgedruckt!). Mir ist das zu übersteigert – zu philosophisch verbrämt kam das daher. Den sogenannten modernen oder zeitgenössischen Regisseuren sollte endlich klar gemacht werden, dass die herrliche Musik dieser alten Melodramen dem Zuschauer schöne und erbauliche Momente bescheren. Die Tagesnachrichten genügen vollständig, die Weltlage uns Zuhörern bewusst zu machen. Mit diesen Inhalten braucht man den schönen Abend in der Oper nicht so zu verfremden, dass man nur noch heulen will – na ist doch wahr! Ich will mir meine Gedanken zu der Welt in der jetzt gelebt wird alleine, ganz selbstständig und ohne Fingerzeig machen, und daher braucht es geradezu die Aufführung solcher Opernklassiker möglichst klassisch, als Projektionsfläche sozusagen – das ist meine Meinung dazu!

Die zweite Aufführung der Tosca, die ich mir ansah und hörte, war diejenige aus der Metropolitan Opera in New York, wo Oper eben noch Oper ist und das Ohr des Menschen, trotz gruseligen Geschehen, sich erfreuen soll und darf. Und das tat es auch!

Von der Ausstattung her sowie der Künstler kann dieses enorm große Haus nicht mit kleineren europäischen Opernhäusern verglichen werden. Dank einer monatlich ausgestrahlten Direktübertragung einer Oper per HD-Live, wird die Welt versorgt – auch in Zypern zum Glück. Diese Tosca-Produktion oder Aufführung ist eine Koproduktion der Met, der Bayrischen Staatsoper sowie des Teatro alla Scala, Mailand, also drei führender Opernhäuser der Welt.

Regie führte Luc Bondy, der 65-jährige renommierte Schweizer-Regisseur, der nicht nur an den bekanntesten Opernhäusern wirkt, sondern ebenfalls als Theaterregisseur gefragt ist. Seit 1997 ist er Träger des Hans-Reinhart-Rings.

Das Bühnenbild ist dann auch als klassisch zu bezeichnen gewesen, die verschiedenen Akte wurden sinnverwandt aufgeführt, wie es der Originaltext vorschreibt. Es begann, wie es sich gehört, in der Kirche, wo Cavaradossi die Maria Magdalena malt, dann im Palacio Farnese, dem berüchtigten Hauptquartier des Polizeichefs Scarpia, und der Schluss fand auf dem Dach der Engelsburg statt – herrlich!

Abgesehen von den kolossalen Bühnenbildern sind die Stimmen der Vortragenden einmalig gewesen. Cavaradossi wurde vom inzwischen 50-jährigen Franzosen, Roberto Alagna, gesungen. Sein Tenor ist inzwischen voll ausgereift und richtig kräftig, den er mit allen emotionalen Nuancen einsetzt. Dies verhinderte aber nicht, dass sich einige wenige Unstimmigkeiten eingeschlichen hatten. Seit er 1988 den Internationalen Gesangswettbewerb Luciano Pavarotti gewonnen hat, hat er eine Höhenflug-Karriere, die in Frankreich begann, zu verzeichnen. Seit vielen Jahren gehört er zu den großen Tenören, die in New York, in Paris, Mailand oder London singen.

Ebenbürtig im Spiel war ihm Tosca, die von der amerikanischen Sopranistin Patricia Racette interpretiert wurde. Sie gewann den renommierten Robert-Tucker-Award im Jahre 1998 und singt seither die führenden Rollen des italienischen Opernrepertoires in Genf, München, Paris, London, und auch in den bekanntesten Häusern der USA wie San Francisco, Washington. Sie ist so wunderbar in der Lage, ihr schauspielerisches Können mit ihrer perfekten Stimme, die zu den jeweiligen Emotionen in Einklang steht, ja, diese geradezu heraushören lässt, zu verschmelzen. Frau Racette verkörperte die eifersüchtige, aber standfeste Frau, die von nichts zurückschreckt, um ihren revolutionären Geliebten zu retten, großartig.

Die dritte Hauptrolle (Bariton) ist bekanntlich die des Polizeichefs Scarpia, verkörpert durch den Georgianer George Gagnidze, der seit 2009 an der Metropolitan singt. Seine Karriere begann in Deutschland und führte ihn schnell an die Deutsche Oper Berlin, La Scala in Mailand, Wien und Zürich. Mit Vorliebe singt er auch in russischen Opern und gastiert öfters im Bolshoi, wird gesagt. Die satanische Mentalität des Polizeichefs, der Menschen skrupellos für seine eigene Machtspielchen und Perversionen benützt, ist, finde ich, die Paraderolle großer Baritone. Gagnidze steht den vergangenen Größen hier nicht nach. Seine Interpretation des Bösen konnte er mit Stimme und Mimik sehr überzeugend ins Publikum tragen, dass uns Kälteschauer über den Rücken liefen.

Bei den Aufführungen der Metropolitan Opera von New York (Met) scheint es selbstverständlich zu sein, dass sämtliche Nebenrollen ebenfalls von ausgezeichneten Sängern besetzt werden. Dirigent war Riccardo Frizza. Kurz: Die Handlung, die Stimmen, die Gestik, Bühnenbild und Musik sind zu einer intensiven Einheit verwoben worden, was einen solchen Abend besonders eindrücklich und wertvoll macht.

Dass der Stadt Limassol gehörende Rialto Theater überträgt regelmäßig aus der Met, was sehr erfreulich ist. Zyprioten scheinen der Spielart namens Oper noch nicht viel abgewinnen zu können, sind hingegen der Musik sehr zugewandt, wenn es sich um zyprische oder griechische Folklore handelt.

Geht man in eine hiesige Taverne mit Musik, ist man bass erstaunt, wie das Publikum stundenlang mitsingt und scheinbar die gesamten Texte auswendig kennt.

Während der Sommermonate finden einige Liederabende mit ausländischen Sängern ansonsten noch statt. Und das Opernfestival gibt es jedes Jahr in Pafos zu besuchen, eigentlich immer Ende August/Anfang September. Nur dann kann an drei aufeinanderfolgenden Events Oper live in Zypern gesehen werden. Ein mehr oder weniger bekanntes Opernhaus wird dazu engagiert. Dieses Jahr kam zum ersten Mal das zyprische Orchester zum Einsatz – durchaus erfolgreich.

Es mag sein, dass der Kulturbeauftragte der Stadt Limassol den Eindruck gewann, dass diese Übertragungen aus New York erfolgreich sein könnten und besonders bei den sehr zahlreichen Ausländern gut ankäme, womit er den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Das Rialto-Theater füllte sich beachtlich, und zwar auf zweidrittel mit Ausländern, Zyprioten gewiss auch einigen Türkischzyprioten. 

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Dass die Stadt Lörrach, die unweit von Basel liegt, gar nicht so langweilig und uninteressant ist, wie es einem eventuell auf den ersten und zweiten Blick vorkommt, schält sich immer klarer heraus.

Immer wieder mittwochs, könnte man sagen. Dann nämlich finden im Gebäude der VHS, dem Alten Rathaus von Lörrach, unterschiedliche und zuweilen hoch interessante Veranstaltungen statt. Zum Beispiel ist die Veranstaltung zur Literatur, geleitet von Herrn Oskar Keller, das letzte Mal wirklich gut gewesen, als er etwas in die deutschsprachige Lyrik zum Thema Herbst eingestiegen ist. Dass zum Thema Herbst von ihm dabei keine weiblichen Autoren gefunden wurden, kann daran liegen, dass in seiner Bibliothek nichts auffindbar gewesen ist, wie er auf Anfrage klarstellte. Dieser Einwurf wurde von ihm jedoch aufgenommen und als gut empfunden, und so darf mit Spannung darauf gewartet werden, beim nächsten Mal auch einige deutschsprachige Lyrikerinnen vorgestellt zu bekommen zum Thema Herbst.

Auch zur türkischen Geschichte wird etwas im Alten Rahthaus veranstaltet von Herrn Keller. Leider grenzt das, was er da so von sich gibt, zu oft an Desinformation als an Information. Doch OK ist das insofern alle Male, denn zu hoffen bleibt, dass seine löblichen Bemühungen dazu führen, die Teilnehmer auch für diesen Bereich oder dieses Thema zu sensibilisieren, um danach ihre eigenen Studien zu betreiben.

Zu erwähnen wäre noch die Erste Hilfe für Menschen mit Computer-Problemen. Die gibt es jeden Montag im Gebäude der VHS von Lörrach ab 14 Uhr – eine zu prämierende Einrichtung! Da wird einem mit wirklichem Sachverstand das jeweilige Problem gelöst, egal ob Windows oder Linux, eine Freude, dort seinen digitalen Kummer zurücklassen zu dürfen. Ein Schweinchen geht in allen Veranstaltungen um, in das man Geld reinstecken kann, aber nicht muss, für das, was man dort geboten bekam.

Ja, und da war gestern zur Zeitungsrunde mit Horst Donner ein Online-Redakteur der Badischen Zeitung zugast, der Herr Huber, wenn wir den Namen richtig erinnern, der teils Werbung für die Badische Zeitung (BZ) betrieb und teils wohl einfach ein netter Mensch ist, zumal er netterweise sich den Interessierten, alle über die 50, die zu diesem Anlass zahlreich angekommen waren, stellte. Herrn Huber’s Darstellung, dass die Presse unverzüglich und bestens während Etwas gerade passiert vor Ort sein müsse, entfachte eine rege Diskussion. Die runde aus interessierten, scheinbar gut ausgebildeten ‚Grauen Wölfen und Wölfinnen‘ ließ den relativ jungen Herrn Huber mit Geschick und gebührendem Anstand durchaus vernehmen, dass die BZ aus ihrer Sicht alles andere als auf einem guten Weg sei entwicklungsperspektivisch. Wieso Journalisten auf-Teufel-komm-raus unbedingt als aller Erste und „unter Zeitdruck“ von einer Sache berichten müssten, geradezu sensationslüstern und zunehmend unreflektiert, konnte Herr Huber, der von Ehre des Journalisten und dergleichen sprach, nicht überzeugend genug beantworten oder entkräften. Immerhin, es hatte ihm im Verlauf des unterhaltenden Vormittaggesprächs niemand von seiner oder ihrer Absicht erzählt, sein Abonnement bei der BZ auflösen zu wollen, obgleich Herr Huber sich zuweilen schon anhörte wie ein Handelsvertreter auf Durchreise.

Recht lustig war, dass er sein I-Pad und Smartphone durch die Runde gehen ließ, versteht sich immer mit Hinweis auf die BZ, was wiederum zeigte, dass sein Bild von uns über 50-Jährigen mindestens so daneben war, wie das unsere von ihm – eventuell. Wie Herr Huber irgendwann meinte, würde die Generation unter 40 eher bevorzugen, sich ihre Nachrichten über die Sozialen Medien etc. abzurufen als über die Printmedien; doch ihm schien trotz seiner Anwesenheit in der Runde der Altersgrauen und deren Resonanz ,noch immer nicht klar geworden zu sein, dass diese Leute, denen er sich präsentierte, sehr wohl Bytists und/oder Computer-Nutzer sind, die schon längst mit dieser Tatsache sich auseinander gesetzt haben im Leben – alles andere als Digital-Neanderthaler sind.

Kann gut sein, dass da viele sogenannte 68er drunter waren, die scheinbar schon damals begriffen hatten, dass das Leben Arbeit im Prozess ist, soll besagen: dass das Sich-Formen einer Person erst auf dem Totenbett in seine letzte Phase tritt, und dass bis dorthin jeder – gefälligst – der Schmied seines Schicksals irgendwie ist, sein sollte!

Und das ist ein gutes Stichwort, also das Sich-Formen. Bekanntlich leben wir in etwas namens EU. Und das Wort Union im Begriff EU besagt so etwas von der Bedeutung her wie der Terminus Familie.

Und vielleicht auch daher guckt man schon etwas verwundert, wenn in der Oberbadischen Zeitung vom 14. November gelesen werden darf in einem Beitrag von Klaus Köster, dass Deutschland, das große Exportüberschüsse produzierende Deutschland, doch wohl unmöglich – demnächst womöglich noch – durch die EU geschwächt werden könne bei dieser Erfolgsgeschichte in Sachen Export und so. Das sei, als würde man aus dem Rennwagen des wahrscheinlich allseitsbekannten Herrn Vettel die Luft herauslassen.

Und der Herr Vettel, verehrte Leser, ist ja bekanntlich ein Deutscher, einer, der zwar Steuern woanders entrichtet, weil dort der Steuersatz günstiger ist, doch was soll’s?

Insofern hat Köster, könnten Sie hier denken, mit dem Bild von Vettel und dem Reifen seiner Sprit-Schleuder die Lage ziemlich trefflich getroffen. Zwar etwas verkehrt, doch bekanntlich lernt man ja schon in jungen Jahren, in den vorgehaltenen Spiegel so zu gucken, dass das darin Gesehene eben als seitenverkehrt Erscheinendes verstanden wird. Daher, mögen Sie nun denken, würde Herr Köster besser noch folgendes Bild angeheftet haben in seinem Beitrag, schon der Ausgewogenheit der Berichterstattung wegen und, versteht sich, zur Ergänzung: Ein Vettel, der Großverdiener ist, in Deutschland Ausbildung etc. genossen hat und nun, nachdem die Kohle bei ihm fließt, die Mücke macht und diesem Staat nicht das zurückgibt, was ihm eigentlich irgendwie zustünde, ist wie ein Vater, der Kinder zeugt und seinen Verdienst versaufen geht und Sozialhilfe von seiner Familie abholen lässt – sollen die anderen doch die Kosten für die Familie schultern.

Dass Leute wie Vettel zu solchen Schlussfolgerungen kommen und guten Gewissens entsprechend agieren, daran ist die Masse durchaus mitschuld, die sich den ‚tollen Typen‘ auch noch als Identifikationsfigur heraussucht – wo sie andernorts schnell einen Regelverstoß eines Asylanten, oder dergleichen beispielsweise, mit aller Schärfe ins Visier nimmt, was sich bekanntlich hin bis zu einem Generalverdacht steigern kann – siehe den NSU-Ermittlungs-Wahnsinn, wo die Angehörigen der Opfer sich so einen Generalverdacht durch die Ermittlungsbehörden gefallen lassen durften – und ziemlich sicher auch durch große Teile der Bevölkerung.

Doch ein positiver Anfang, wie abwegig auch immer Ihnen dieser Zusammenhang vorkommen mag zum Vorhergesagten, ist nun dennoch gesetzt worden, und zwar im Nabel der Welt, in Kandern. Dort wurde nämlich – endlich – die “Nette Toilette” eingerichtet und sogar vom „Burgermeischtr“ abgesegnet. Nein, die öffentlichen Toiletten am Bahnhof etc. werden deswegen nicht geschlossen, schrieb die BZ am 14. November.

Die Nette Toilette“ ist also ein öffentlicher Ort, wo noch nicht einmal für das Natürlichste von der Welt wie ansonsten in der Republik ein ’netter‘ Obulus entrichtet werde muss. Nein! Die IG-Kandern, eine Bürgerinitiative der Stadt hat darauf hingewirkt, dass Touristen und andere, die mal dringend müssen, an gewissen Orten in der Stadt ihr Geschäft erledigen können.

Da die Badische Zeitung, diejenigen Geschäfte in Kandern erwähnt, bei denen man notfalls einkehren kann, ohne schief angesehen oder gar abkassiert zu werden, oder so, sollen hier – unvollständig – ergänzend einige Lokalitäten genannt werden, die sich dieser Initiative offenbar – noch – nicht anschlossen: Sonne Restaurant und Sonne Café, San Lorenzo Pizzaria, Ochsen und das Schnecke-Restaurant etc.     

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shitstorm

Allerheiligen ist nun wirklich nicht der Anlass für diese Überschrift. Auch wenn dieser Mensch aus Limburg im Gewand eines Bischofs gewiss ein weiterer Auslöser mit Leichtigkeit darstellt, um nur noch unflättig um sich reden zu wollen – oder dergleichen. Überhaupt sollte noch schnell überlegt werden, ob dieses Wort nicht zum Wort des Jahres erhöht gehört. Nach dem, was so passiert oder vorgetragen wird, fänden gewiss einige, dem sollte mal so sein.

Dantons Tod, aufgeführt in Freiburg, gestern zum Glück zum letzten Mal, ist so eine Gelegenheit, sich all den Scheiß dieser Welt, nachdem das Stück gesehen wurde, ja, währenddessen, von der Seele zu schreiben, schreiben zu wollen.
Wir sind zwar gleich bei der ersten Pause fluchtartig aus den recht netten Räumen des Theaters entschwunden und konnten vor lauter Fassungslosigkeit noch nicht einmal den künstlerischen Mühen durch Applaus Respekt zollen – was uns nun leid tut. Keine Ahnung aber, wer so etwas verbricht? Welcher Regisseur glaubt, mit einer derartigen Aufführung – Niveau: unterste Kante – sich ans Publikum wenden zu können? Das hat nachdenklich gemacht. Auch weil dieses Publikum geklatscht hat. Auch weil es scheinbar genossen hat, was da auf- besser vorgeführt wurde. Ja, Büchner wurde im wahrstenSinne des Wortes vorgeführt! Und das, was zu sehen war, war strampelhosenrevolutionärer Verschnitt! Das war coffee-to-go-in-Wegwerfbechern-mäßiger Schrott! Billige Rammschware im Kostüm des pseudo-intellektuellen Ausgeklinkten, den gewiss keiner der gestrigen Besucher im Realen sein will. Vielleicht sehen sich Menschen diesen Affront ans Nichts daher an, und finden es gut, weil sie ansonsten so ein geordnetes, von Zwängen durchsetztes Leben tagtäglich führen, sodass sie eine derartige Scheiß-Nummer in ihrer Befindlichkeit dann gut finden, weil es etwas in ihnen bewegt oder spiegelt – wahrscheinlich auch ihre Suche nach dem ultimativen Kick, den zu durchleben, sie sich womöglich nicht trauen? Wie dem auch sei:

Wahrhaft, das gestern Abend auf den Brettern des Theaters von Freiburg war Dantons ultimativer Scheißkübel über dem, was Revolution, was progressives Menschenbild ist oder sein soll ausgeschüttet – es ist und war im Grunde so Shitstorm verdächtig wie die NSA-Affäre, die gerade durch den Dreck gezogen wird, vermutlich so lange, bis das Ding als gewaschen verstanden wird.
Von daher, könnte man denken, war diese Aufführung doch wohl im Trend der Zeit. Letzteres wollen wir dennoch nicht hoffen, wäre nämlich schade, weil das dann wiederum eventuell hieße, sich mit irgendwas auseinander zu setzen im Leben, ist Scheiße.

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